18. Sep 2026, Designprozesse und Methoden
18 Bücher, 12 Verlagsanfragen, Zeit < 0 – Wie aus einem Bildrechte-Problem beim Vereinsheft eine bessere Gestaltungslösung wurde – ein Praxis-Case.
In einem früheren Beitrag habe ich beschrieben, was vor einem Buch-, Heft- oder Chronikprojekt passiert – wie Inhalte gesammelt und sortiert werden, bevor überhaupt eine Seite gestaltet wird. Diesmal geht es um das, was mitten in der Gestaltung passieren kann: ein Problem, mit dem ich nicht gerechnet hatte, und eine Lösung, die am Ende besser war als das, was ursprünglich geplant war.
Für die September-Ausgabe des Mitteilungsblatts des Kieler Yacht-Clubs hatte das Redaktionsteam ein Titelthema vorbereitet: die Lieblingsbücher der Mitglieder. Nach Redaktionsschluss bekam ich die Inhalte geliefert: Texte, Fotos der Einreichenden und selbst fotografierte Bilder der Buchcover. Einige davon waren alte, sichtlich viel gelesene Ausgaben. Gerade das machte sie interessant: Man sah den Büchern an, dass sie benutzt wurden und besonders geliebte Exemplare waren.
Im Vereinsheft nehmen wir es mit Bildnachweisen genau – bei jedem Foto nennen wir die Urheberin oder den Urheber. Für abfotografierte Buchcover hätte das allein aber nicht gereicht: Wenn vor allem das Buchcover zu sehen ist, geht es nicht nur um das Foto an sich, sondern vor allem darum, was darauf abgebildet ist: die Gestaltung des Covers selbst. Nach meinem Wissenstand, hätten wir bei den jeweiligen Verlagen abfragen müssen, ob wir die Bilder der Büchercover für die Abbildung im Heft nutzen dürfen.
Bei der Recherche zeigte sich das Ausmaß: Für die 18 besprochenen Bücher wären 12 einzelne Anfragen nötig gewesen. In der verbleibenden Zeit bis zum Druck war das zu knapp. Also musste eine andere Lösung her.
Während ich nach einer Idee suchte, wie ich einen Ersatz für die Coverfotos finden kann, las ich die eingereichten Texte. Dabei fiel mir etwas auf: Jedes vorgestellte Buch war mit einer persönlichen Geschichte verbunden. Die Bücher wurden über die Menschen dahinter interessanter als über ihre Cover. Damit war die Richtung klar: Die Fotos der Mitglieder gehören zur Darstellung des Titelthemas auf jeden Fall hinzu. Für die Bücher selbst brauchte es aber einen anderen Zugang.
Dann hatte ich die Idee: Statt der Cover bekommt jeder Beitrag einen QR-Code, der zur Verlagsseite des jeweiligen Buchs führt. Bewusst zur Verlagsseite, nicht zum Buchhandel – auch wenn das Cover nicht gedruckt wurde, wollte ich den Verlag dennoch einmal sichtbar machen. Neben dem Code steht nur die Webseite des Verlags, nicht die vollständige, lange URL, die direkt zum Buch führt. Damit entsteht eine Aufteilung, welche die Rollen klar trennt: Im gedruckten Heft stehen die Menschen und ihre Geschichten im Vordergrund. Wer mehr über das Buch erfahren möchte, geht digital weiter.
So gut die Idee war, ganz glatt ging das nicht auf. Bei drei Büchern war die aktuelle Auflage vergriffen, bei einem hatte der Verlag seit der vorgestellten Auflage gewechselt. Was tun? Auf einen beliebigen Buchhandels-Link wollte ich nicht verweisen. Also habe ich für diese Fälle individuelle Lösungen gesucht: bei einem Buch war zwar der Titel vergriffen, aber es gabe eine Autorenseite bei der weitere Bücher aufgeführt waren. Das passt gut, da im Artikel ohnehin weitere Bücher des Autors genannt waren. Ansonsten verwies ich mit einem Satz darauf, dass der jeweilige Titel antiquarisch zu bekommen sei.
Die eingereichten Fotos und Texte unterschieden sich stark in Qualität und Stil. Hier galt es eine klare Linie zu finden. Die Texte blieben unverändert. Um trotzdem eine klare Linie zu finden, habe ich jedem Beitrag eine Zeile vorangestellt: Gattung, Buchtitel, Autorin. Die Idee dazu kam aus einem der eingereichten Texte selbst, in dem ein Mitglied diese Angaben bereits so aufgeführt hatte.
Zwischenzeitlich hatte ich auch über zusätzliche Icons für die Gattungen nachgedacht – Erlebnisbericht, Roman, Sachbuch –, das aber wieder verworfen, weil es überladen wirkte.
Auch die Reihenfolge der Beiträge war zunächst ein Sammelsurium – sortiert nach Posteingang. Ich habe daraus eine Abfolge von den jüngeren zu den älteren Mitgliedern entwickelt und dabei zugleich auf die Verteilung über die Seiten und auf Spannung im Lesefluss geachtet.
Auch für das Titelbild des Hefts und den Aufmacher zum Titelthema hätte das Redaktionsteam gern Original-Cover gezeigt. Auch das ging aus denselben Gründen nicht. Ich habe stattdessen lizenzierte Stockbilder gesucht – das hat länger gedauert als gedacht. Für das Cover fiel die Wahl auf ein Bild, das die Stimmung des Lesens an Bord einfängt: eine Frau mit Buch auf einem Schiff, aufgenommen an einem Ort, der ebenso gut die Ostsee hätte sein können. Für den Aufmacher im Innenteil ein stimmungsvolles Foto eines Bücherstapels, ohne erkennbare Titel.
Die Titelbezeichnung der Ausgabe, „Seitenwind", habe ich zusammen mit generativer KI entwickelt. Die Doppeldeutigkeit zwischen Segelwind und frischem Lesetipps hat mir gut gefallen.
Das Wort griff ich auf den Umschlag-Innenseiten in einer Grafik auf: Die selbst gezeichnete Illustration auf der linken Seite ist ein Buch, dass mit seinen Seiten im Wind steht, die Illustration auf der rechten Seite zeigt ein Schiff, dass im Wind liegt. Ergänzt werden Sie durch Zitate aus den vorgestellten Büchern. Verbunden sind sie über eine durchlaufende Wellenlinie.
Damit war aus der ursprünglichen Frage – wie ersetzen wir die Buchcover? – ein durchgängiges Gestaltungskonzept geworden, das sich vom Cover bis in die Umschlaginnenseiten zieht.
Würde ich heute wieder vor einem Titelthema mit so vielen Bildrechte-Fragen stehen, würde ich das Thema früher ansprechen. Mit genügend Vorlauf ließen sich die nötigen Anfragen klären. Auch die in diesem Fall so geliebten Bücher hätten sich mit ihren Original-Covern über ein einheitliches Fotoshooting in Szene setzen lassen.
Trotzdem mag ich die gefundene Lösung sehr gerne: Sie verbindet Print und Digital, stellt die Mitglieder und ihre Geschichten in den Vordergrund und gibt dem Titelthema einen roten Faden – vom Umschlag über die Innenseiten bis zu den einzelnen Beiträgen, den es in der ursprünglich nach Posteingang sortierten Fassung noch nicht hatte.
Bei einem Problem wie diesem gibt es selten nur eine Lösung – gute Gestaltung bedeutet oft, mehrere Wege durchzudenken, bevor einer davon zum Konzept wird. Man stößt auf unerwartete Hindernisse und findet passende Lösungswege.
Planen Sie ein ähnliches Projekt – ein Vereinsheft, ein Jubiläumsbuch, eine Chronik – und stoßen mitten im Prozess auf eine Frage, die gestalterisch gelöst werden muss? Melden Sie sich gern, wir schauen uns das gemeinsam an.