02. Jul 2026, Unternehmenskommunikation und Wandel
Bei einer Unternehmensübernahme steht Stabilität an erster Stelle – visuelle Kommunikation bleibt dabei oft Randnotiz. Warum das eine verpasste Chance sein könnte, und was ich bei LeadHERShip auf dem Waterkant-Festival darüber gelernt habe.
Vor einer Unternehmensübernahme scheint im Unternehmen oft schlicht kein Raum für Gestaltung zu sein. Nicht, weil sie unwichtig wäre – sondern weil andere Dinge zuerst gesichert werden müssen: Vertrauen, Zahlen, Übergabe-Modalitäten. Diese Beobachtung habe ich beim LeadHERShip-Event auf dem Waterkant-Festival in Kiel gemacht – einer Veranstaltung für Frauen, die ein Unternehmen übernehmen, übergeben oder darüber nachdenken.
Mich interessiert daran besonders, wie sich solche inneren Übergänge irgendwann auch nach außen zeigen – in Sprache, Bild, Haltung und Kommunikation.
Laut aktueller Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn stehen in Schleswig-Holstein zwischen 2026 und 2030 rund 7.200 Familienunternehmen zur Übergabe an – etwa 1.440 pro Jahr. Gleichzeitig sind Frauen bei Unternehmensübernahmen weiterhin deutlich in der Minderheit: Laut Nachfolgemonitor 2024 waren bundesweit nur 21 Prozent der tatsächlich Übernehmenden Frauen. Ich bin Kommunikationsdesignerin, beschäftige mich seit einiger Zeit intensiv mit Unternehmen im Wandel, und ich wollte wissen: Wie fühlt sich eine Unternehmensübernahme an, wenn man mit den Menschen spricht, die sie gerade durchleben?
Mein Zugang dabei: erst einmal erforschen, was die Unternehmenden wirklich bewegt, womit sie sich beschäftigen, wo sich das mit meiner eigenen Arbeit überschneidet – und erst daraus wachsen lassen, wie ich als Designerin konkret unterstützen kann.
Und so habe ich an diesem Tag erstmal mehr Fragen mitgenommen, als ich hatte, als ich hinging. Das schöne: mit diesen Fragen kann ich jetzt genauer hinschauen, wo ich mit meiner Arbeit wirklich ansetzen will.
Maxie Matthiessen von Femna eröffnete mit einer Keynote unter dem Titel „Übernehmen statt Gründen". Ein Bild aus ihrem Vortrag ist mir besonders geblieben: Eine Unternehmensgründung verläuft selten wie eine gerade Linie nach oben – eher wie eine „Spaghetti Bowl", in der sich vieles gleichzeitig und ungeordnet entwickelt.
Was mir im Laufe des Vormittags besonders deutlich wurde:
Bei den Unternehmerinnen, die von ihren Erfahrungen berichteten, hörte ich immer wieder dieselben Werte heraus: Identität bewahren und weiterentwickeln wollen, regional verwurzelt und verantwortlich sein, Zuverlässigkeit, sowie der Wunsch, selbst gestalten und leiten zu können. Diese Werte überschneiden sich auffällig mit dem, was mir in meiner eigenen Arbeit wichtig ist.
Und unter der Oberfläche schwingt häufig eine leise Sorge mit: Werde ich von meinem Team akzeptiert? Wie viel Veränderung kann ich anstoßen, ohne dass Mitarbeitende sagen: Das machen wir hier schon immer anders?
Im moderierten Best-Practice-Talk berichteten Lisa Behn (Waldemar Behn GmbH & Behn Getränke GmbH) und Joana Bergmann (Spinnrad GmbH) von ihren eigenen Übernahmen. Auf den ersten Blick wirkten beide Unternehmen nach außen professionell aufgestellt – nichts deutete in dem Moment auf einen internen Wechsel hin. Das ist allerdings nur eine Momentaufnahme; einen tieferen oder fortlaufenden Einblick in ihre Kommunikation habe ich nicht.
Und doch blieb ein Gedanke aus diesem Talk bei mir hängen, der sich später im Vortrag von Caroline Schroth noch einmal bestätigte – derselbe, mit dem dieser Text begonnen hat: Vor einer Übernahme scheint im Unternehmen oft schlicht kein Raum für Gestaltung zu sein.
Denn nach außen scheint eine Übernahme oft in erster Linie eine Randnotiz zu sein. Verständlich – wichtig ist ja vor allem, Kund:innen und Lieferant:innen zu signalisieren, dass alles weiterhin gut läuft, und keine Verunsicherung zu erzeugen.
Aber ist das wirklich die einzige Möglichkeit? Vielleicht unterschätzen wir Gestaltung genau in den Momenten, in denen sie am meisten Orientierung geben könnte – nicht als Risiko für Verunsicherung, sondern als ein Baustein, der Vertrauen stärkt. Eine fertige Antwort darauf habe ich nicht. Aber die Frage lässt mich nicht mehr los.
Später am Tag sprach Caroline Schroth von Rothlaender & Co über die Psychologie der Unternehmensnachfolge – über Loyalität, Identität und die Momente, in denen man Unsicherheit aushalten und navigieren muss. Ein Satz aus ihrem Vortrag hat sich bei mir festgesetzt: „Aus Nachfolge wird Gestaltung.“ – ein Satz, der für mich in zwei Richtungen weist. Die Unternehmerinnen meinen damit: anpacken, formen, Verantwortung übernehmen. Ich als Designerin denke dabei unweigerlich auch an das Sichtbarmachen nach außen – an Sprache, Bildwelt, Auftreten. Nicht als etwas Zusätzliches – sondern als etwas, das im unternehmerischen Gestalten bereits enthalten ist, und das nach außen sichtbar werden will. Vielleicht hängt beides mehr zusammen, als wir denken.
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Das ist kein Thema für eine einmalige Maßnahme nach dem Motto „wir machen jetzt mal hübsch“. Es ist eher ein Prozess, der alle Beteiligten mitnehmen muss – die Geschäftsführung genauso wie die Menschen, die im Unternehmen täglich mit der Kommunikation nach außen zu tun haben. Er setzt nicht an der Oberfläche an, sondern geht viel tiefer.
Dieser Tag hat mich weitergebracht — nicht mit fertigen Antworten, aber mit einem klareren Blick darauf, wo ich als Designerin ansetzen kann. Ich beginne, mich stärker mit genau diesen Übergangsmomenten zu beschäftigen – mit der Frage, wie ein Unternehmen nach außen so sichtbar werden kann, wie es sich von innen bereits verändert hat.
Vielleicht beginnt gute Gestaltung genau dort, wo Unternehmen versuchen, gleichzeitig Stabilität zu vermitteln und Veränderung zu leben.
Erkennen Sie sich in einem Teil dieses Textes wieder? – Weil Sie selbst gerade ein Unternehmen übernehmen, übergeben, oder mitten in diesem Prozess stecken. Ich untersuche gerade anhand konkreter Beispiele, wie Gestaltung in solchen Übergängen wirken kann. Wenn Sie Lust haben, das gemeinsam mit mir herauszufinden – fangen wir einfach mit einem Gespräch an.