Was steckt in „Digitale Entwurfsgrundlagen“?

Ein Fachname, drei Wörter — und dahinter ein Feld, das weiter ist, als es klingt. Ein persönlicher Einblick in das, was es bedeutet, digitale Grundlagen an einer Kunsthochschule zu lehren.

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    Jedes Semester beginne ich meinen Kurs an der Muthesius Kunsthochschule mit demselben Ritual: Ich zeige Folien, die den Namen des Fachs auseinandernehmen. Wort für Wort.

    Digital. Vom lateinischen digitus — der Finger. Wer mit Fingern zählt, kommt irgendwann zu Einsen und Nullen. Zahlen sind die Sprache der Computer. Und Zahlen lassen sich verlustfrei kopieren — das ist keine Kleinigkeit, das ist der Kern dessen, was digitale Medien von analogen unterscheidet.

    Grundlagen. Etwas, worauf man aufbaut. Ein Fundament. Der Name sagt, was er verspricht.

    Entwurf. Das hat mich am meisten überrascht. Ich dachte zuerst: Gestaltung, Skizze, Plan. Aber das Wort werfen steckt drin — und die Herkunft liegt in der Bildweberei. Dort wurde das Schiffchen durch die Fäden geworfen, Zeile für Zeile, bis das Bild entstand. Das ist nicht weit entfernt vom pixelweisen Aufbau digitaler Bilder. Zeile für Zeile, Wert für Wert.

    Ich bin durch eine Ausschreibung meines ehemaligen Professors zu diesem Lehrauftrag gekommen — entdeckt in einer XING-Alumnigruppe, zu einem Zeitpunkt, als ich gerade frisch selbstständig war. Ich hatte Lust, Wissen weiterzugeben. Und ich hatte mir ehrlich gesagt vorgenommen, mich endlich in den Adobe-Programmen fortzubilden — was ich als Selbstständige immer wieder aufschob. Der Unterricht würde mich in die Pflicht nehmen. Das hat funktioniert. Ich bin bis heute am Ball.

    Was ich nicht erwartet hatte: dass ich plötzlich 90 Minuten am Stück vor Menschen sprechen würde. Ich bin eher ruhig, denke Dinge durch, bevor ich antworte. Vor einer Gruppe zu stehen war ein echter Schritt aus meiner Komfortzone. Heute habe ich noch immer so etwas wie Lampenfieber vor jeder Stunde. Wenn ich dann drin bin, passt alles. Aber der kleine Schritt davor bleibt.

    Was sich über die Jahre verändert hat, ist nicht die Nervosität — sondern wie ich mit dem Stoff umgehe. Am Anfang habe ich jedes Detail gelernt und direkt weitergegeben. Inzwischen habe ich vieles kategorisiert, verdichtet, neu geordnet. Weniger Folien, mehr Gespräch. Der Stoff ist derselbe — aber ich bringe ihn anders.

    Je nach Studiengang heißt mein Kurs an der Muthesius auch „Einführung Rechner". Das klingt banal. Digitale Entwurfsgrundlagen klingt nach Abenteuer — und so empfinde ich es auch. Das Feld ist weit: von 0 und 1 über die Geschichte des Computers, von raumfüllenden Maschinen zu kleinen Helfern am Handgelenk, von Vektoren und Pixeln über die Entwicklung der Gestaltungsprogramme — von großen Marktführern wie Adobe, die immer wieder herausgefordert werden, bis zu neuen Anbietern, die das Gestalten für alle öffnen. All das steckt im Kurs drin. Und all das steckt, wenn man genau hinsieht, irgendwie auch im Wort.

    Die Studierenden arbeiten das Semester über an einer konkreten Aufgabe: Sie gestalten eine fiktive Postkarte für das Rijksmuseum in Amsterdam. RGB und CMYK, Pixel und Vektor, Dateiformate und Farbräume — alles wird an diesem einen Projekt erfahrbar. Theorie und Praxis hängen am selben Objekt — das merkt man.

    Inzwischen sehe ich die Lehre als etwas, das ich als Soloselbstständige sonst nicht habe: die Möglichkeit, Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Ich bilde nicht aus. Aber ich unterrichte. Das ist nicht dasselbe. Und ehrlich gesagt mehr, als ich erwartet hatte.

    Gerade kommt etwas grundsätzlich Neues dazu. Als generative KI mit ChatGPT präsent wurde, habe ich meine Studierenden gefragt, ob sie sie aktiv nutzen — und war überrascht, wie wenig sie das damals taten. Inzwischen hat sich das verschoben. KI zieht in die Programme ein, in den Alltag, in die Frage, was Gestalten überhaupt bedeutet. Die Grundlagen, die ich lehre, kommen noch ohne sie aus — alles an der Postkarte geht ohne KI. Aber ich spüre, dass sich das Feld verschiebt. Und damit stellt sich dieselbe Frage, die ich mir am Anfang gestellt habe: Was gehört rein — und was lasse ich weg?

    Vielleicht ist das auch eine Art Antwort auf die Frage, was ich da eigentlich mache: Ich halte ein Feld offen, das sich fortlaufend entwickelt. Und versuche dabei, die Grundlagen so zu lehren, dass sie tragen — egal wohin es geht.

    Wie erlebst du das — im Studium oder in der Praxis? Ich freue mich über den Austausch in den Kommentaren.

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