Designerin? – Ich doch nicht!

16. Mai 2024, Persönliches

Selbstständige Designerin? – Das hätte ich mir in der 10. Klasse, als mein Kunstlehrer mir das erste Mal von dem Arbeitsalltag eines Designers berichtete, niemals träumen lassen.

Als ich dachte, Design sei nichts für mich

Es war so ungefähr in der 10. Klasse, als ein echter Künstler an unsere Schule kam, um den Kunstunterricht zu übernehmen. Kunst war schon immer eines meiner Lieblingsfächer und ich saß erwartungsvoll an meinem Platz.

Unser Lehrer begann uns über den Arbeitsalltag eines Designers zu berichten. Er sprach von Konzeptentwicklung, Kundenkommunikation und der Umsetzung kreativer Visionen in greifbare Projekte. „Ein Designer zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen“, erklärte er. „Man muss Projekte managen, mit Kunden kommunizieren und ständig kreative Lösungen entwickeln.“ Während er enthusiastisch über die verschiedenen Aufgabenbereiche eines Designers sprach – von der Akquise neuer Kunden bis hin zur finanziellen Verwaltung ihrer Projekte – fühlte ich mich überfordert. Die Vorstellung, so viele verschiedene Rollen auszufüllen, schien mir überwältigend – ich wollte doch am liebsten Ideen für meine Bilder entwickeln. Aber diese vielen weiteren Aufgaben konnte ich mir nicht vorstellen. Schon gar keine Auftragsakquise oder das Schreiben von Rechnungen.

„Gibt es unter euch jemanden, der sich vorstellen könnte, als Designer zu arbeiten?“, fragte er in die Runde. Ich zuckte innerlich zusammen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, in so eigenständiger und selbstbestimmter Weise meinen Beruf auszuüben.

Nach jenem Tag im Kunstunterricht blieb eine Mischung aus Neugier und Skepsis zurück. Konnte ich wirklich kreativ und gleichzeitig geschäftstüchtig sein? In der Oberstufe entschied ich mich für den Leistungskurs Kunst und verfolgte weiter meine Leidenschaft für Gestaltung. Nach dem Abitur blieb der Wunsch, in einem kreativen Beruf zu arbeiten.

Von ersten Erkenntnissen zu entscheidenden Erfolgen

Ich absolvierte verschiedene Praktika in Werbe- und Designagenturen, wo ich lernte, dass direkter Kundenkontakt mir wichtiger war als die reine Gestaltung. Das unmittelbare Feedback im Briefinggespräch war entscheidend für mein Verständnis und meine Fähigkeit, erfolgreich zu designen. Diese Erfahrungen bestärkten mich darin, mich an einer Kunsthochschule zu bewerben.

Mein erster Versuch, an einer Kunsthochschule aufgenommen zu werden, scheiterte. Doch anstatt aufzugeben, ließ mich dieser Rückschlag nur entschlossener werden. Ich arbeitete intensiv an meiner Mappe, unterstützt von Kollegen während eines sechsmonatigen Praktikums. Beim zweiten Versuch wählte ich gezielt Hochschulen aus, deren Bewerbungsfristen und Anforderungen zu meinem Zeitplan passten. Schließlich konnte ich mich zwischen zwei Hochschulangeboten entscheiden.

Widerstand und Wachstum: Mein Studium an der Kunsthochschule

Ich studierte Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule. Die ersten Semester waren erfüllt von Freude und positivem Feedback, doch das Vordiplom brachte harte Prüfungen mit sich. Ich hatte mir eine unpassende Aufgabe ausgesucht und scheiterte kläglich an den Anforderungen. Einige Professoren legten mir nahe, mein Studium zu beenden. Diese Worte trafen mich tief, und viele schlaflose Nächte folgten. War mein Traum hier zu Ende? War ich nicht kreativ genug? Konnte ich den Anforderungen nicht gerecht werden?

Ich beschloss, nicht aufzugeben. Ich suchte das Gespräch, wollte verstehen, woran genau ich gescheitert war. Trotz der harten Kritik und der Empfehlung, die Hochschule zu verlassen, bekam ich die Chance, den Kurs zu wiederholen. Dieses Mal konzentrierte ich mich auf ein realistischeres Projekt: eine Broschüre für einen Kaffeehersteller. Ich bestand die Prüfung und lernte, präzise auf die Wünsche meiner Professorin einzugehen, ohne meinen eigenen Stil aufzugeben.

Jedoch hinterließ dieses Semester eine dauerhafte Narbe: Fast jedes Mal, wenn ich einen Entwurf präsentierte, hielt die Professorin diesen hoch und kommentierte vor der gesamten Gruppe: „So bitte nicht.“ Diese Erfahrung nahm mir die Leichtigkeit, mit der ich zuvor gestaltet hatte. Ich begann, meine Entwürfe zu überdenken, immer auf der Suche nach Argumenten, warum mein nächster Entwurf den Zuspruch „So bitte doch“ verdienen könnte.

Im Hauptstudium mied ich Kurse bei dieser Professorin und entschied mich stattdessen für Typografie als meinen Schwerpunkt. Die Begeisterung für diesen Fachbereich hatte mein Professor schon in den ersten Semestern in mir geweckt. Unter seiner Anleitung setzte ich mein Studium mit großer Freude fort und schloss schließlich mein Diplom mit der Note 1,3 ab.

Die Entscheidung für die Selbstständigkeit

Schon in den letzten Semestern meines Studiums wurde mir klar, dass die Selbstständigkeit eine reizvolle Option für mich sein könnte. Ich dachte oft darüber nach, wie ich während meines Studiums Projekte eigenständig leitete, meine Zeit selbst verwaltete und alles zum Erfolg führte. „Warum sollte ich dies nicht auch beruflich außerhalb der Universität fortsetzen?“, fragte ich mich.

Trotz dieser Überzeugung wollte ich nicht vorschnell handeln. Sicherheit war mir wichtig, daher entschied ich mich zunächst für ein weiterführendes Studium im Wirtschaftsmaster an der Fachhochschule in Kiel. Ich erhoffte mir dadurch, meine wirtschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen und gleichzeitig Netzwerke aufzubauen, die mir später von Nutzen sein könnten. Tatsächlich traf ich während des Studiums auf Menschen, die später zu meinen ersten Kunden wurden.

Parallel dazu arbeitete ich in einer Agentur für medizinisches Marketing, um herauszufinden, ob eine Anstellung vielleicht doch besser zu mir passen würde. Anfangs noch frei fühlte ich mich hier aber nach einiger Zeit eingeschränkt. Mir fehlte der direkte Kundenkontakt, von dem ich schon vorher bemerkt hatte, wie wichtig dieser mir ist.

Der entscheidende Moment für den Sprung in die volle Selbstständigkeit kam jedoch durch die Zusammenarbeit mit einer Kollegin. Dies war mein Schritt in die Freiheit. Als selbstständige Designerin übernehme ich seither nicht nur kreative, sondern auch geschäftliche Aufgaben. Ich bin gleichzeitig Geschäftsfrau, Netzwerkerin und Buchhalterin – Rollen, die ich nun mit Stolz und Engagement ausfülle.

Reflexion und Ausblick

Heute, Jahre später, habe ich die vielen Rollen, die ich mir als Schülerin kaum vorstellen konnte, nicht nur kennengelernt, sondern auch lieben gelernt. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, aber ebenso unendliche Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Entwicklung. Die Fähigkeit, meine Rollen zu wählen und zu gestalten, betrachte ich als das größte Geschenk der Selbstständigkeit.

Heute, nach vielen Jahren voller Lernen und Wachstum, bin ich dankbar für jeden Schritt dieser Reise. Ich möchte dich ermutigen, dich deinen Herausforderungen zu stellen und deine eigenen Wege zu gehen. Nutze jede Ressource, die dir zur Verfügung steht, und vergiss nie, dass jeder Misserfolg eine neue Gelegenheit zum Lernen bietet.

Ratschlag

Falls du auch vor einer großen Entscheidung stehst oder Unsicherheiten über deinen zukünftigen Karriereweg hast: Hab Mut. Der Weg, der die größte Herausforderung darstellt, kann auch der lohnendste sein. Es ist deine Reise – wähle deine Rollen weise und scheue dich nicht, sie zu wechseln, wenn sie nicht mehr zu dir passen. Nutze Ressourcen wie Online-Kurse zur Verbesserung deiner Fähigkeiten, Netzwerkveranstaltungen zur Erweiterung deiner beruflichen Kontakte und Apps zur Optimierung deiner Produktivität.

Ich lade euch ein, eure Geschichten über persönliche oder berufliche Veränderungen zu teilen. Welche Herausforderungen habt ihr in eurer Ausbildung oder zu Beginn eurer Karriere erlebt? Welche Strategien habt ihr angewendet, um diese zu überwinden? Teilt eure Erfahrungen in den Kommentaren – ich freue mich darauf, von euch zu lesen und gemeinsam zu lernen!

10Kommentare

  • Bernd
    07.06.2024 16:42 Uhr

    Hallo Wiebke! Ich finde es bewundernswert, dass du trotz dieser Vorgeschichte Designerin geworden bist! Schöner Artikel!

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  • Wiebke Christophersen
    17.06.2024 20:23 Uhr

    Danke, Bernd.

  • 10.06.2024 14:48 Uhr

    Liebe Wiebke
    Vielen Dank für diesen spannenden Einblick in deinen Werdegang! Toll, bist du an deinem Wunsch dran geblieben und hast deinen Weg gefunden. Finde es auch schön, dass du an deinen neuen Aufgaben als Buchhalterin, Verkäuferin usw. gewachsen bist.
    Liebe Grüsse
    Seraina

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  • 10.06.2024 16:53 Uhr

    Liebe Wiebke,
    Deine Geschichte ist sehr inspirierend und ermutigend! Ich ziehe den Hut, wie Du trotz einiger sehr krasser Widerstände dran geblieben bist.
    Da ich auch selbständig in einem kreativen Beruf unterwegs bin als Stimmcoach und Sängerin, kann ich die Vielfalt der Anforderungen im Alltag als Künstlerin sehr nachvollziehen.
    In meinen Stimmcoachings und im Gesangsunterricht habe ich schon erlebt, dass Menschen diese bittere Erfahrung von so harscher Kritik an Hochschulen machen mussten. Kritik an einem zutiefst persönlichen künstlerischen Ausdruck hinterlässt ihre Spuren in uns. Gerade wenn es um den Ausdruck der eigenen Stimme geht, ist das sehr tiefgehend und verletzend. Denn Stimme ist ja auch Ausdruck unseres Seins. Trotz solcher Erfahrungen den Weg weiter zu gehen, sich nicht entmutigen zu lassen wünsche ich uns allen. Und Deine Geschichte schenkt diese Ermutigung!

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  • 11.06.2024 10:18 Uhr

    Liebe Wiebke,

    was hast du für eine fesselnde Art, zu schreiben! Deine Geschichte zu lesen, ist soso spannend.
    Du zeigst sehr deutlich, dass es sich lohnt, für seine Träume und Ziele sich einzusetzen, zu kämpfen, Rückschläge als Lernkurven zu nutzen und immer wieder aufzustehen, Krönchen zu richten und weiterzugehen, wofür wir brennen.

    Danke für deinen Einblick in deinen Weg zur Designerin!

    Ganz liebe TCS-Grüße
    Jutta 🌬️✨

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  • 11.06.2024 22:04 Uhr

    Hallöchen Wiebke!

    Ich bewundere ja solche Menschen wie dich, die ihren Weg trotzt Hindernissen immer weiter gehen. Ich muss da eher immer wieder Rückschläge hinnehmen.
    Da ich Geschichten für Kinder schreibe, aber nicht vor vielen fremden Menschen vorlesen kann, werfe ich mir da immer wieder viele Steine in den Weg. Wie man vielleicht merken kann, bin ich in der Rechtschreibung nicht so gut, musste daher auch viele nicht sehr gute Rezessionen hinnehmen. Durch die Kritiken habe ich so einiges hinzugelernt. Trotzt der vielen Hindernisse bleibe auch ich dran. Ich möchte nämlich durch meine Geschichten, die Welt für die Kinder ein wenig bunter machen.

    Lieben Gruß
    Ulrike

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  • 12.06.2024 09:03 Uhr

    Liebe Wiebke,

    ich habe deinen Einblick in deinen Werdegang sehr gerne gelesen. Beeindruckend, wie du drangeblieben bist und dich bei jeder Hürde weiterentwickelt hast. Solche ehrlichen Einblicke in Berufsfelder finde ich deutlich interessanter als die offiziell bekannten, wo immer alles ganz toll zu sein scheint.

    Dass mit dem Mut kann ich nur unterstreichen. Darüber hinaus finde ich das Dranbleiben entscheidend. Ich habe auch ein Buch dazu seit langem im Regal stehen: "Bleib dran, wenn dir was wichtig ist". Das hat mir sehr weitergeholfen, ich kann es nur jeder empfehlen.

    Liebe Grüße
    Susanne

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  • 13.06.2024 20:52 Uhr

    Hallo Wiebke, Danke für diesen spannenden Einblick in deinen beruflichen Weg. Ich empfinde es als interessant, dass du bei der ersten Begegnung mit dem Berufsbild, davor zurückgeschreckt bist und dir diesen Beruf nicht vorstellen konntest. So ähnlich ging es mir damals im Studium der sozialen Arbeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit Familien zu arbeiten, tönte "das werde ich mal nie machen" und bin heute in meinem Beruf als Familientherapeutin zu Hause und fühle mich kein bisschen von all den Rollen überfordert, die ich da übernehmen muss. Bewundernswert finde ich, dass du im Studium nicht aufgegeben hast. Das grenzt ja schon an Mobbing, was die Professorin da mit dir betrieben hat. Großartig, wie du deinen eigenen Weg gefunden hast, damit umzugehen. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg in deinem Beruf und mit deinen Rollen. Herzliche Grüße Sylvia

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  • 14.06.2024 22:23 Uhr

    Liebe Wiebke,
    beim Lesen deines Artikels erinnerte ich mich daran, wie mein Vater mir den Beruf "Gebrauchswerber" - so hießen Designer in der DDR - erklärte. Er wollte mein Interesse wecken, aber ich fand die Vorstellung, das äußere Erscheinungsbild eines Mixers zu gestalten, sowas von uninteressant ...
    Und dann auch dieser anstrengende Werdegang ...
    Zur Kunsthochschule zu kommen war sowas von schwierig, da hätte ich mir keine Chance ausgemalt.
    Ganz anders du: Du hattest den Mut und das Durchhaltevermögen und hast dir deinen Platz an der Schule erkämpft.
    Schlimm, was die Professorin bei dir angerichtet hat. Gemein und gedankenlos. Zum Glück hast du dich nicht unterkriegen lassen ...

    Liebe Grüße
    Astrid

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  • 18.06.2024 09:42 Uhr

    Liebe Wiebke, den Mutigen gehört die Welt! Und so ist es auch bei dir. Manchmal macht es Sinn, seinen Weg unbeirrt zu gehen. Wer weiß schon warum und weshalb. Letztendlich nehmen wir alle etwas auch von den unbequemen Dingen mit.
    Es ist wunderbar zu lesen, dass du deine Berufung gefunden hast.
    Herzlichen Gruß, Birgit

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