Wenn KI in Sekunden gestaltet – was lehren wir dann noch?

25. Mär 2025, KI und Gestaltung

Wenn KI in Sekunden atemberaubende Visuals erzeugt – was vermittelt man dann noch in der Designlehre? Eine persönliche Auseinandersetzung mit dem, was sich verändert, was bleibt und warum gestalterisches Denken gerade jetzt wichtiger wird.

Was passiert mit einer Disziplin, wenn ihre wichtigsten Werkzeuge plötzlich das können, wofür man jahrelang ausgebildet wurde? Diese Frage begleitet mich seit einer Weile – und sie ist dringlicher geworden.

Den Anstoß gab ein Satz in einem Newsletter eines Kollegen. Er schrieb über die neuesten KI-generierten Bilder und fragte: „Wird es überhaupt noch relevant sein, Design zu lehren, wenn man in Sekunden atemberaubende Visuals erzeugen kann?“ Ich schaute mir die Beispiele an. Ich war beeindruckt. Und ich merkte, dass ich mir dieselbe Frage längst stelle.

Über zehn Jahre Lehre – plötzlich im Umbruch

Seit über zehn Jahren unterrichte ich digitale Entwurfsgrundlagen an der Muthesius Kunsthochschule – und arbeite gleichzeitig als selbstständige Designerin. Adobe Illustrator und Photoshop waren dabei immer Mittel zum Zweck: Werkzeuge, um grundlegende Techniken zu erklären, nicht Ziele an sich. Mich hat dabei weniger interessiert, wie man ein Programm bedient – sondern was man im Kern verstehen muss, um wirklich ins digitale Gestalten zu kommen. Wo liegen die Parallelen zwischen analog und digital? Was sind die Kernkompetenzen? Und was ist das Wissen, das trägt – unabhängig davon, welches Werkzeug gerade aktuell ist?

Was früher handwerkliche Fähigkeiten voraussetzte, passiert heute oft in Sekunden. Automatische Auswahl, generatives Füllen, Layoutvorschläge auf Knopfdruck. Das sind keine Spielereien mehr – das sind ernsthafte Verschiebungen. Ich freue mich über gute Werkzeuge. Aber ich merke, wie sich die Grundvoraussetzungen meiner Lehre verändern. Und damit stellt sich drängender als je zuvor die Frage: Was lehre ich da eigentlich – und was davon bleibt?

Diese Frage gehört nicht nur mir

Ich habe sie in die Hochschule getragen. Nicht als Problem, sondern als Einladung zum Nachdenken. Daraus ist der KI Salon entstanden – eine offene Veranstaltungsreihe, in der wir uns gemeinsam mit den Auswirkungen von KI auf Gestaltung und Gesellschaft beschäftigen.

Denn schnell wird klar: Es geht nicht nur um schöne Bilder.

Design ist mehr als Darstellung

Wir erleben einen tiefen technologischen und gesellschaftlichen Umbruch. KI verändert nicht nur Werkzeuge, sondern Denkweisen, Arbeitsprozesse und Autorenschaft. Und gerade deshalb wird gestalterisches Denken wichtiger, nicht überflüssiger.

Design heißt: Zusammenhänge sichtbar machen. Prozesse begleiten. Entscheidungen kritisch einordnen. Nicht alles, was sich erzeugen lässt, ist Gestaltung – und nicht jeder Output ist ein Ergebnis. Es braucht Menschen, die gestalten können: mit Haltung, mit Kontext, mit Verantwortung. Was das konkret bedeutet – und warum ein visuell überzeugendes Ergebnis noch keine Gestaltung ist – beschreibe ich in einem eigenen Artikel: Gestalten statt generieren.

Was bleibt – und was sich verändert

Gute Designlehre war eigentlich nie nur Werkzeugkunde – sie hat immer auch bedeutet, gesellschaftlich zu hinterfragen, die richtigen Mittel zu wählen, Haltung zu entwickeln. Das ist kein neuer Anspruch. Was sich verändert: Der Weg dorthin verschiebt sich. Weniger „Ich beherrsche die Werkzeuge", mehr Urteilsvermögen darüber, was entsteht – mit welchen Ressourcen und warum.

Was mich dabei beschäftigt: Früher konnte man als Anfängerin erst einmal machen – ausprobieren, scheitern, verstehen. Den Weg gehen, den man später selbst anleitet. Heute scheinen die Ansprüche schneller zu steigen als das Fundament wächst. Wer mit KI-Werkzeugen arbeitet, soll von Beginn an bewerten, kuratieren, einordnen – ohne notwendigerweise selbst erfahren zu haben, was dahintersteckt. Das ist eine andere Einstiegssituation. Und die Frage, die mich wirklich beschäftigt, ist nicht ob Designlehre relevant bleibt, sondern wie man Anfänger*innen auf diese Ebene führt – ohne den Weg dahin zu überspringen.

Was bleibt: kritisches Denken, gestalterische Urteilskraft, Kontextbewusstsein, Verantwortung im Entwurf.

Was sich verändert: die Werkzeuge, die Prozesse – mehr Kuratieren als Erstellen –, und die Haltung: vom „Ich gestalte" zum „Wir ermöglichen".

Wie wollen wir gestalten, lehren, begleiten?

Die Frage aus dem Newsletter führt am Ende zu den großen Themen unserer Zeit: 

Vertrauen – in neue Technologien und in uns selbst. 

Ökologie – als systemisches Denken und nachhaltiges Gestalten. 

Intelligenz – menschlich, künstlich, gemeinschaftlich.

Genau unter diesen drei Oberthemen findet der KI Salon im kommenden Semester statt. Dreimal öffnen wir den Raum für Austausch, Nachdenken und Diskurs – offen für alle, die Gestaltung in dieser neuen Zeit nicht nur beobachten, sondern mitprägen wollen.

Komm vorbei. Schreib mir. Bring deine Fragen mit. Denn das ist vielleicht die wichtigste Fähigkeit, die bleibt: Gestaltung beginnt mit einer guten Frage.

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